Reinhold Mißelbeck

Zwischen den Zeiten






Der erste Eindruck von den Bildern von Josef Šnobl ist der, Gemälde vor sich zu haben. Diese düsteren, von dichten Farblasuren bedeckten Arbeiten lassen nur da und dort ahnen, dass eine Fotografie als Grundlage und Ausgangspunkt gedient hat. Mit den Hochglanzprodukten unserer Fotoindustrie, die wir aus dem Alltag kennen, haben diese Arbeiten nichts mehr zu tun. Es fällt mitunter schon schwer, das im Bild verschüttete Foto zu identifizieren. In Josef Snobls Arbeiten vermischen sich Fotografie und Malerei ähnlich dicht, wie wir dies bei Arbeiten mit Fotografien von Anselm Kiefer kennen. Dabei geht es auch ihm nicht so sehr um den Dialog mit dem Medium als solchem, sondern um die ganz pragmatische Ausnutzung der Möglichkeiten, die beide bieten, wobei die Fotografie das Moment des Alltäglichen, die Malerei das Fiktive, Phantastische, Symbolistische in das Werk einbringen.

Am Anfang einer jeden Arbeit steht ein ganz gewöhnliches Foto. Denn Josef Snobls Bildideen entzünden sich nicht so sehr aus der Begegnung mit der Wirklichkeit, sondern aus dem Nachdenken über seine fotografischen Notizen, aus den Assoziationen, die das Zusammentreffen der Gegenwart mit den Relikten der Vergangenheit hervorrufen. Josef Snobl hat sich über Jahre hinweg eine Art fotografisches Tagebuch geschaffen. Er fotografiert, was ihm bemerkenswert erscheint und legt sich seine Alben an. Doch damit ist die Sache für ihn noch nicht erledigt. Wie gesagt, diese Schnappschüsse sind für ihn Tagebuchnotizen, die zwar ihr Eigenleben haben, von denen jedoch einige dazu bestimmt sind, weiterentwickelt zu werden. Denn Josef Snobl legt diese Tagebücher an, um sich mit ihnen weiter auseinanderzusetzen. In den Tagebüchern haben sich seine Erlebnisse sozusagen objektiviert und er hat nun die Möglichkeit, einen Dialog zwischen diesen fotografischen Zeugnissen und seiner Erinnerung zu führen. Wir alle wissen, dass unser Erinnerungsvermögen selektiv ist, dass es wertet und verändert. So ist es nahe liegend, dass sich für Josef Snobl mit wechselnder Zeitdistanz eine Diskrepanz zwischen seinen fotografischen Zeugnissen und seiner Erinnerung entwickelt. Manche Notizen werden unwichtig, andere wichtiger, wieder andere bekommen für ihn eine neue Bedeutung. Es beginnt ein interpretatorischer Prozess, der darin gipfelt, dass Josef Snobl das eine oder andere Bild aus seinen Notizen herausgreift und an ihm zu arbeiten beginnt. Die dokumentarische Notiz wird umgewandelt in ein gleichnishaftes, symbolhaftes Bild, das sich nicht mehr auf diese eine Gegenwart bezieht, sondern eine Summe von Erfahrungen, weiterreichenden Bedeutungen in sich aufsaugt. Josef Snobl vollzieht in seinen Bildschöpfungen einen Prozess nach, den wir aus unseren eigenen Erfahrungen kennen. So manches Erlebnis aus unserer Kindheit erfährt mit den Jahren der Rückerinnerung eine Art Überhöhung. Ein banales Ereignis erhält eine symbolhafte Bedeutung, wird zum Schlüsselerlebnis für eine bestimmte Entwicklung in unserem Leben, für eine ganze Lebensphase. Fehlentwicklungen, Probleme mit denen ein Mensch ein ganzes Leben zu kämpfen hat, werden mitunter auf solche Schlüsselerlebnisse bezogen, sie werden dafür verantwortlich gemacht. Die Psychoanalyse bezieht wesentliche Erkenntnisse aus der Erforschung solcher Entwicklungen. Meist befassen wir uns jedoch nur mit den herausragendsten dieser Schlüsselerlebnisse, wir nehmen uns meist gar nicht die Zeit, uns so ausgiebig mit uns selbst zu befassen, unser gegenwärtiges Denken und Fühlen auf vergangene Erlebnisse zu beziehen und es auf Gemeinsamkeiten hin zu überprüfen. Dennoch gibt es ständig Ereignisse von geringerer Bedeutung, die für unser Leben mehr bedeuten, als nur ihre gegenwärtige Funktionalität. Die Wissenssoziologie kennt eine Fülle von Grundsätzen und Beispielen, wie sich zur Funktionalität einer Handlung stets die symbolische Bedeutung gesellt. All unsere Erkenntnisse über verbale und nichtverbale Kommunikation können in diesem Zusammenhang gesehen werden. So werden Gesten und Handlungen, Dinge und andere Menschen für uns Bedeutungsträger, Symbole für größere Zusammenhänge.

Josef Snobls Bilderwelt spürt diese auf, macht sie für uns transparent und sichtbar. Unter all seinen Dokumenten des Alltags findet er immer wieder Bilder, in denen weitergehendes aufscheint. Er beginnt, sich mit ihnen näher zu befassen, sie zu verändern und umzudeuten, bis sie seiner gegenwärtigen Vision gerecht werden und sich vom Abbild zum Sinnbild entwickelt haben. Diese Umrisse werden unscharf und verschwimmen mit bräunlichen, malerischen Hintergründen. Teile der ursprünglichen Fotos verschwinden unter solchen Farbschichten, andere Elemente werden kontrastierend hervorgehoben. Meist entstehen düstere Szenarien, Sinnbilder von Tod, Zerstörung, Verzweifelung, Verlorenheit, sexuellen Obsessionen und Angst. Die Bilder beschwören kafkaeske Situationen und Stimmungen, die bräunlich dunkle, malerische Grundtönung der Bilder kündet von Melancholie. Josef Snobls Arbeiten sind zutiefst mit tschechischer Tradition, tschechischem denken und Fühlen verbunden. Die innere Gespaltenheit der tschechischen Moderne, die auf der einen Seite die Idee der strengen Abstraktion, des mathematisch-konstruktiven konsequenter als alle übrigen osteuropäischen Völker verfolgt haben und auch in der sozialistischen Ära nie ganz ablegten, wofür stellvertretend auf fotografischem Gebiet der Name Frantisek Drtikol genannt werden könnte, auf der anderen Seite mit Stimmungen und Emotionen aufwarteten, wie wir sie in den stillen Fotografien von Josef Snobl finden, diese innere Gespaltenheit ist auchinnerhalb der Arbeiten von Josef Snobl nachvollziehbar. Denn so sehr die Fotoarbeiten in ihrer hier sichtbaren Form das Visionäre ansprechen und die Gefühlswelt mobilisieren, sowenig ist der in ihr enthaltene dokumentarische Kern völlig eliminiert. Auch wenn ein Kopf zum Totenkopf wird oder eine Galerienszene zum Verhör, vermag alles malerische den fotografischen Kern nicht völlig zu überdecken, löst sich das Symbolbild nicht von ihrem realen Kern. So vereinen die Fotoarbeiten von Josef Snobl die Gegenwart mit Geschichte, und Sinnbilder mit profanen Ereignissen. Sie machen deutlich, dass Symbole stets auf konkrete historische Ereignissen zurückzuführen sind, und sich niemals im geschichtsfreien Raum entwickeln. Sie zeigen auch darüber hinaus, dass es auch gegenwärtig immer Anlässe und Ereignisse gibt, auf die sie sich beziehen lassen, dass diese Ereignisse ganz alltäglich sein können und unmittelbar mit unserer eigenen Person verknüpft sein können. Josef Snobl holt somit mit seinen Arbeiten die uns geläufige Symbolwelt von ihrem Sockel des Abgehobenseins, als allein historisch brauchbare und bewertbare Bilderwelten und zeigt ihre Verknüpfung mit unserem Alltag, mit unserer Gegenwart.

Er deutet damit aber auch an, dass ihre bedrohlichen, Angst machenden Inhalte gegenwärtig und aktuell sind, dass wir sie in uns selbst und in unserer Umgebung wieder finden können. Damit wird die Gegenwart wieder mit ihrer Geschichte, mit der Tradition verbunden. Auch diese enge Verknüpfung mit der eigenen Geschichtlichkeit ist eine Eigenart, die den Tschechen wesentlich ist. Es gibt da keine Berührungsängste und keine mehr oder weniger versteckte Distanzierbarkeit. Sie ist selbstverständlich und wird auch emotional stark besetzt. Möglicherweise sind Josef Snobls Bilder gerade deshalb von besonderer Bedeutung. Auch wenn es beileibe keine heiteren Bilder sind, auch wenn ihre Botschaft eher Ängste weckt, sind sie dennoch gleichzeitig poetisch und malerisch genug, stecken so voller Melancholie, dass man bereits wieder geneigt ist, sich darin verlieren zu können.